THERAPIE & PRAXIS

 
Im Team erfolgreich Fahrrad fahren

Wie können Patienten in der  neurologischen Rehabilitation optimal behandelt werden? Mit konventioneller oder gerätegestützter Therapie?  In Einzelbehandlungen oder besser in Gruppensettings? Therapeuten der Sauerlandklinik Hachen haben die  Erfahrung gemacht, dass geräte­gestütztes Training in der Gruppe gerade bei MS-Patienten durchaus positive Effekte hat.

Text: Melanie Schmitten und Lara Baum

Die Sauerlandklinik mit 125 Planbetten ist als Akutkrankenhaus im Krankenhausplan des Landes Nordrhein-Westfalen enthalten. Im Laufe der Zeit hat sich die Sauerlandklinik zu einer der bedeutendsten neurologischen Spezialkliniken für Multiple-Sklerose-Erkrankte in Deutschland ent­wickelt. Rund 2.800 Patienten aus dem gesamten Bundesgebiet werden jährlich in der Sauerlandklinik behandelt.

Das Erfolgsrezept der Klinik liegt in der Bündelung von langjährigen Erfahrungen und aktuellem Know-how in einem multidisziplinären Behandlungsteam. Ärzte, Pflegepersonal und Therapeu­ten haben sich im Laufe der Zeit zu Spezialisten in der Behandlung der Multiplen Sklerose ent­wickelt und bilden ein fachübergreifendes Team.

Spezialisierte MS-Therapie

In der Sauerlandklinik Hachen behandeln wir Multiple-Sklerose-Patienten in spezialisierten Teams aus Ärzten, Pflegepersonal und Therapeuten. Nur in einem solchen Team lässt sich beispielsweise das Krankheitssymptom Spastik optimal und effektiv behandeln. Eine ausgeprägte Spastik in den Beinen allein mit Medikamenten behandeln zu wollen, wäre unzureichend.

Eine dieser Therapien aus dem multidis­zi­pli­nä­ren Behandlungskonzept stellt das medico-me­cha­nische Training in der Gruppe, auch Cycling genannt, dar. Seit Dezember 2017 nutzen wir die Cyclinggeräte in Kombination mit einer neuen Software von THERA-Trainer. Evidenzbasiert, exakte Trainingssteuerung und spielerisch-motivierend sind nur einige Schlagworte und Gründe dafür, warum Therapeuten wie Patienten gerne damit arbeiten.

Die Therapie ist so aufgebaut, dass vier Patienten gleichzeitig an Bewegungstrainern üben, die mit einem Computer verbunden sind. Die Geräte können als Arm- oder Beintrainer genutzt und der Schwierigkeitsgrad an jeden Patienten individuell angepasst werden, sodass auch schwerer betrof­fene Patienten in der Lage sind, an dem Training teilzunehmen. Ebenso kann im Wettkampfmodus gegeneinander oder in Teamarbeit trainiert werden.

„Lustige Spiele, bei denen man die Zeit vergisst.“

Als Therapeuten können wir in der Software aus drei verschiedenen Spielen mit Biofeedback auswählen. Zudem kann mit verschiedenen Einstellungen zu den Schweregraden gearbeitet werden. Mit dem Spiel „Helikopter“ geht es beispielsweise hoch hinaus. Dabei ist es das Ziel, durch die Ver­änderung der Drehzahl den Helikopter nach oben oder unten zu bewegen und damit einen umherfliegenden Luftballon in der Luft zu halten.

Bei einer Radtour durch das hügelige Sauerland sind die Patienten gezwungen, gleichmäßig, rhythmisch aber auch schnell in die Pedale zu treten. Gemeinsam können die Patienten Erkundungstouren durch die schönsten Ecken von Holland unternehmen. Dabei fährt jeder in seinem Tempo und der Computer errechnet die Durchschnittsgeschwindigkeit, in der dann die Videoroute abgespielt wird.

Spaß und soziales Miteinander

Besonders positive Aspekte des Trainings sind für die Betroffenen u. a. der Spaß, das Miteinander mit anderen und damit die Förderung der sozialen Kontakte. Durch dieses unbewusste Trainieren kommen die Patienten häufig auch auf eine höhere Wiederholungszahl, als wenn sie alleine vor einem Sitzfahrrad sitzen und stupide vor sich hintreten. Durch die individuellen Einstellungsmöglichkeiten können die Spiele fair gestaltet werden und durch den externen Aufmerksamkeitsfokus sind die Patienten oftmals positiv überrascht, welche Leistung sie selbst erbringen konnten. Insbesondere am Ende des Gruppentrainings nach 20 Minu­ten kommt dies oft zum Vorschein, wenn die Patien­ten ihre eigene Auswertung sehen können. Diese motiviert sie oftmals zusätzlich, bei der nächsten Einheit noch gleichmäßiger, schneller oder kräftiger zu werden und weiter zu kommen.

Nicht nur für fitte Patienten

Die Spiele sind nicht nur für fitte Patienten, sondern auch für Personen mit kognitiven Defi­ziten gut verständlich. Sie fördern neben Kogni­tion, Mo­tivation und Koordination auch ver­­schiedene Muskelgruppen. Die Aufgaben können sowohl im Vorwärts- als auch im Rückwärtstritt erfüllt wer­den.

Durch das Training in der Gruppe können wir in der Therapie eine hohe Patientenabdeckung er­­reichen. Dadurch ist es auch gerade für uns als Klinik attraktiv. Aufgrund der einfachen Bedie­nung der Hard- und Software ist der Arbeits­aufwand für den durchführenden Therapeuten überschaubar.Eine Befragung einer Patientenauswahl zeigte, dass das Cycling aufgrund des hohen Spaßfaktors zu mehr Motivation führt. Viele Patienten gaben im Verlauf eine Verbesserung der Schmerzen, der Spastik und des Bewegungsausmaßes an. In den Auswertungen konnte man oftmals eine Steige­rung der gefahrenen Strecke und eine Ver­besserung der Symmetrie erkennen. Unseren Patienten ist eine regelmäßige Anwendung sehr wichtig geworden.

Insgesamt ist das Cycling bei uns im Hause eine Therapie, auf die niemand mehr verzichten möchte.

  


 

Lara Baum und Melanie Schmitten sind Physiothera­peutinnen. Seit 2016 bzw. 2007 sind sie in der Sauerlandklinik Hachen mit Behandlungs­schwerpunkt Multiple Sklerose beschäftigt. Sie arbeiten gemeinsam in einem 30-köpfigen Team aus Physio- und Ergotherapeuten, medizinischen Bademeistern, Masseuren und Logopäden.

Neben Behandlungen nach Bobath, PNF und Vojta führen sie außerdem robotikgestütztes Training und therapeutisches Klettern durch. Durch  diverse Fortbildungen haben sie sich in den letzten Jahren auf neurologische Therapieformen spe­zialisiert.